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Schluss mit dem Wettlaufen! Ein atmendes Miteinander öffnet Welten.

Taiji im Frühlingsgarten – eine Liebeserklärung

Alena Maria Schneider 2011

Taiji-Bewegungen sind  rund und fließend, geschmeidig und konzentriert.
Es sind Bewegungen, die sich aus der Mitte heraus entwickeln, weiche Bögen, wie wir sie in der Natur beobachten: die Wellenbögen des Wassers, der Tanz der Äste im Wind, der Flug der Schwalben…
Es war die darin liegende Schönheit, die mich auf den ersten Blick bezauberte, als ich vor ca. 35 Jahren das erste Mal Menschen die Taiji-Form tanzen sah.
„Bitte bringt mir das bei!“ – Ich konnte keine Zeit verlieren. Unbedingt wollte ich mich mit dieser Kunst einlassen.

Es gab viel zu entdecken auf dem Taiji-Weg. Manches hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen vorstellen können.
Inzwischen habe ich viele, viele Jahre selbst Menschen Taiji vermittelt. In diesem Prozess wurde es mir immer durchsichtiger.
Heute kann ich einiges benennen, was seinen Zauber ausmacht.
Davon will ich hier berichten.

Was sind die Ingredienzien dieser eigenartigen Schönheit und der besonderen Harmonie des Taiji-Tanzes?
Sind die Taiji-Bewegungen einmal in Fluss gekommen, so setzen sie sich aus sich selbst heraus fort. Ungeahnte Leichtigkeit entsteht, denn es ist nicht mehr nötig, unentwegt die Energie zum „Anfahren” der Bewegung aufzubringen.
Hier geht das Tun über in die Hingabe.
Diese Hingabe ist keine Auflösung. Sie verliert sich nicht. Sie öffnet Türen in die Erfahrung der Verbundenheit mit allem Leben. Eine stille Geborgenheit wird spürbar. Das zu erleben ist berührend und erfüllend. Es trägt etwas zutiefst Heilendes in sich.
Gelingt diese Hingabe, so werden die Taiji-Tanzenden schön. Sie sind bei sich und sich selbst gut auf eine unspektakulär heitere Weise.
Es ist das scheinbare Paradoxon in selbstvergessener Weise ganz bei sich zu sein, wie ein spielendes Kind. Man ist präsent und keinesfalls „wegetreten”.

Die Ausstrahlung dieser ruhevollen, wachen Selbstvergessenheit hat etwas sehr Anziehendes. Sie fügt zusammen. Die Umgebung, die Landschaft und der Taiji-tanzende Mensch werden zu einem Gesamtkunstwerk. Die Gruppe, die Taiji tanzt, wird zu einem Gesamtkunstwerk.

Was da so selbstverständlich aussieht und dabei kein Aufhebens von sich macht, ist wie alle Kunst die Folge jahrelanger Übung.
Nun – manchmal gelingt es spontan – aber nur um sich dann wieder zu entziehen, als wolle es erobert werden.

Um wirklich bei sich zu sein und sich dem Fluss anvertrauen zu können ohne in Beliebigkeit und in einen Verlust von Kontur zu verfallen, gehört zum Taiji-Tanz Achtsamkeit, Genauigkeit und Konzentration.

Achtsamkeit ist hier die Übung, mich in meinen Bewegungen jetzt und jetzt, von Augenblick zu Augenblick ruhig wahrzunehmen.
Hilfreich hierfür ist die anspruchsvolle Komposition der Taiji-Bewegungsform. Es ist eine Choregraphie von konsequenter Einfachheit, die alles andere als simpel ist. Das Bewegungsmuster ist ungewohnt. Es gilt vieles an Anstrengung zu verlernen und an Kompliziertheit loszulassen.

Sinngemäß sagte meine Lehrerin Christel Proksch in verschiedenen Variationen, Taiji müsse man nicht lernen, sondern das Loslassen angestrengten Tuns.
Damals fand ich das sehr geheimnisvoll. Heute amüsiert es mich, dass sich etwas so vollendet einfaches herausschälen lässt aus zunächst mühevoller Bewegungsgestaltung.

Der Geist ist damit beschäftigt, den Bewegungsablauf zu erfassen.
Das hilft dem Übenden, die Aufmerksamkeit zu bündeln und die Achtsamkeit zu erlernen, die dazugehört, den eigenen Körper wirklich wahrzunehmen: wie bewegt sich der Arm, stellt sich der Fuß, dreht sich die Mitte…?

Die Konzentration im Taiji ist buchstäblich und ganz körperlich real die Anbindung an die Mitte. Es ist keine harte oder gar verbissene Konzentration. Sie ist vielmehr friedvoll und gleichmäßig interessiert. Es ist eine Konzentration mit einem kleinen Lächeln, ein geistiges Führen mit leichter Hand.

In der Bewegungsorganisation spielt die Mitte des Körpers eine zentrale Rolle.
Der Geist ruht im Unteren Dantien, einem Zentrum im Unterbauch, dem Ort der Ruhe, Sammlung und Kraft.
Von hier aus wird die Bewegung zusammengehalten, geführt und entwickelt.
Von hier aus öffnet sie sich in die Peripherie und pulsiert wieder zurück.
Die Mitte ist die hütende Mutter der Bewegung.

Taiji-Anfänger fassen die Bewegungen zunächst aus der Peripherie heraus auf. Dabei pflegen Hände, Arme und Kopf die führende Rolle zu übernehmen.
Denken und forciertes Tun sind zunächst überproportioniert.
Das ist die Gewohnheit, die in der Regel mitgebracht wird.
Von da aus beginnt ein Prozess des Loslassens.
Der Kopf lernt, ein wacher und stiller Begleiter der Bewegung zu sein. Schultern, Arme und Hände lassen mehr und mehr ihren ambitionierten Muskeleinsatz los und verbinden sich mit der Mitte. Nach und nach wird der Krafteinsatz geringer.

 

Das Schwere ist die Wurzel des Leichten;
Die Stille ist die Herrin der Unruhe.

Lao Tse   Tao-Te-King 26

 

Es bewährt sich, den Bewegungsablauf didaktisch von den Schritten her aufzubauen.
Der Kontakt zum Boden verleiht Wurzeln und Stabilität. Er ist wunderbar konkret, hat Saft und Kraft.
Selbstverständlich stehen wir Menschen auf der Erde – sollte man meinen.
Sehr oft aber lassen wir uns dabei nicht auf ihr nieder, sondern erfüllen unser Stehen mit einer Anstrengung, als müssten wir uns von den Schultern her wie mit einem Kleiderbügel in die Luft hängen. Oder aber das Stehen hat die mühevolle Qualität, sich angespannt gegen den Boden abzudrücken.
Im Taiji setzen wir uns in den Stand hinein. Wir überlassen uns immer durchlässiger der Schwerkraft. Damit entsteht nach und nach die elementare
Erfahrung des Getragenseins. Ein Ausruhen beginnt, ein Auftanken von Kraft, ein Konkretwerden: “Die Schwere wird zur Wurzel des Leichten.”

Durch das Hineinsetzen in den Stand längt sich die Wirbelsäule und übergibt ihre S-Kurve den Beinen, die nun mit weicher Rundung aller Gelenke stehen.
Gleichzeitig wird der untere Rücken entlastet. Das Becken hängt als Schwerpunkt an der Wirbelsäule. Das Kreuzbein wird frei und durchlässig.
Die Nierengegend lehnt sich zurück in Gelassenheit.
Es ist als schmiege sich die ganze Rückenpartie in einen wohlwollenden Rückhalt.

Wir sind üblicher Weise mit unserer Aufmerksamkeit hauptsächlich nach vorn ausgerichtet, leben in den Raum der tätigen Kontrolle, erleben uns im Handeln.
Der hintere Raum ist verborgen und unserer Wahrnehmung oft entzogen.
Es ist der umhüllende Raum von Ruhe und Hingabe aus dem wir stärkende Kraft empfangen, der Raum der erholsamen Nacht.
Lege ich meine Hände auf die die Nierenenergie ausdrückenden Bereiche des Rückens, während sich der Mensch im Taijistand niederlässt, so ist mir eindrucksvoll wahrnehmbar wie die Nierenenergie in ihr ruhevolles Schwingen findet, sobald die Übende in den hinteren Raum hinein loslässt.
Das hat viel zu tun mit Vertrauen. Vertrauen erwächst aus Entspannung und Entspannung erwächst aus Vertrauen.
Im Taijitanz regeneriert sich unsere Basisenergie, die Nierenenergie wird gestärkt. Das hat maßgeblich damit zu tun, dass wir uns von einem reibungsvoll angestrengten Tun wegbewegen und ins geschehenlassende Tun hineinfinden.
Das wird mit Wu Wei benannt und oft übersetzt als Handeln ohne zu handeln.
Mit dem Fluss zu gehen ist ein Bild, welches diese sanfte Kunst zu beschreiben sucht.

 

Das Weichste in der Welt überwindet das Härteste;
Das Nichts kann dort sein, wo kein Raum ist.
Daran erkennen wir den Wert des Nicht-Tuns.

Lehren ohne Worte,
beim Tun im Nicht-Tun verweilen:
das verstehen nur sehr wenige.

Lao Tse   Tao-Te-King 43

 

Die durchlässige Aufrichtung stellt energetisch die Himmel-Erd-Achse dar.
Es ist die Achse der stillen Klarheit und Würde.
Sie hilft, sich aus den Umtriebigkeiten der Welt herauszuziehen und bei sich zu bleiben. Sie drückt aus: Ich bin.
Es gehört zu unserem Menschsein „aufgespannt” zu sein zwischen Himmel und Erde.
Beiden Polen sind wir verbunden.
Aus der Aufrichtung zum Himmel beziehen wir Leichtigkeit. Es ist die Verbindung zum Ätherischen, zur „universellen Energie”.

Die Verbindung zur Erde gibt uns standfeste Kraft und Substanz. Sie nährt uns im Konkreten und verleiht dem Leichten Wurzeln.

Für mich bedeutet die Aufrichtung in der Himmel-Erd-Achse – so hat es sich mir zumindest in Jahrzehnten des Taiji-Tanzens erschlossen – als Erdenmensch in der
Wirklichkeit Gottes zu stehen, Kind des Himmels und Kind der Erde zu sein.
Es ist ein verbundenes und verbindendes Alleinsein. Der schöne Satz, der mir einmal begegnete: „Die Freude Gottes ist der aufrechte Mensch” passt dazu (Zitat von Frère Roger?).

Dabei ist die Verbindung zum Himmel keine Verbindung zu einem Pünktchen über der Krone des Kopfes. Es ist eine weite Verbindung, umhüllend wie der Atemraum, in dem wir uns bewegen.

Die Taiji-Bewegungen sind rund, blühen aus der Mitte heraus auf und sammeln sich wieder. Sie weiten sich in die Welt und kommen wieder zu sich zurück.
Hier schwingt die horizontale Achse übers Herz, durch die Arme und in die Mitwelt. Diese Achse ist die Herzachse und die energetische Verbindung von Mensch zu Mensch.
Die atmenden weichen Bewegungen in der Herzachse bleiben im Taiji konsequent verbunden mit der Aufrichtung zwischen Himmel und Erde.
In meinem persönlichen Verständnis liegt darin die Weisheit zunächst und immer Gottes Geschöpf auf Erden zu sein und im nächsten Schritt und von dort aus zu lieben und als Mitmensch zu leben. Von dort aus öffne ich mein Herz.

Die Himmel-Erdachse ist wie der Baumstamm, die Herzachse entspricht den Ästen.
Die runden Bewegungen in der Herzachse „verausgaben” sich nicht. Sie sind nie überschwänglich. In den Anfängen des Taiji-Übens, macht sie fast jede Taiji-Tänzerin zu ausladend, zu wichtig, zu groß, zu darstellerisch und manchmal auch zu „verliebt” in ihre Schönheit.
Mit der Zeit, mit den Jahren werden die Bewegungen dann durchlässig und geradezu einfältig einfach. Sie bekommen dabei etwas Heiteres, das das Wichtige aufs Schönste ablöst. Sie geschehen einfachen Herzens.

 

Was du verkleinern willst,
musst du erst strecken;
was du schwächen willst,
musst du erst stärken;
was du aufgeben willst ,
musst du erst aufbauen;
wo du nehmen willst,
musst du erst geben;
das nennt man klares Erkennen:
das Weiche und Schwache
wird das Harte und Starke besiegen.

Lao Tse   Tao-Te-King 36

 

Taiji inszeniert das Zusammenspiel von Yin und Yang. Wir missverstehen Yin und Yang oft als zwei gegensätzliche Pole. Dabei handelt es sich aber um einen Kreislauf der Wandlung: Die Sonne wandert über einen Berg. Es gibt Licht und Schatten, hell und dunkel. Das Dunkle wird zum Licht und die Helligkeit zum Schatten in einem ewigen Wandel.
Taiji tanzt Yin und Yang: eine Bewegung nach vorn erwächst aus einem Zurücklehnen. Eine Bewegung nach rechts schwingt zunächst nach links.
Jedes Ausdehnen holt seine Kraft aus einer Konzentration. Jedes Hinauf sinkt erst hinab.
Ausatmen und einatmen brauchen einander.
Sie stehen einander nicht gegenüber, sondern eines erwächst aus dem anderen, eines bedingt das andere, eines gibt seine Qualität im Wandel dem anderen.
Diesen Tanz der Wandlungen finden wir im Spiel von Tag und Nacht wie auch im Wechsel der Jahreszeiten.
Im Taiji-Tanz verbinden wir uns mit dieser elementarsten Wirklichkeit des Lebendigseins.
Dabei entstehen Bewegungen, die von großer Ruhe sind. Sie streben nicht voran.
Man kehrt in der Taiji-Form in aller Gelassenheit zum Ausgangspunkt zurück.
Man kämpft sich nicht ab, irgendwohin zu gelangen.
Die Veränderung aber, der Wandel, geschieht.

Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, wie sich die Gesichter von Menschen im Laufe einer Taiji-Übung verändern.
Etwas Friedvolles stellt sich ein, freundliche Heiterkeit, der Schimmer des Glückes, wieder eins mit sich zu sein, unabhängig davon was auch immer sonst noch ist wird sichtbar.

Das Gegenbild zum Yin-Yang-Zeichen ist eindrucksvoll das Logo einer bekannten Bank.
In einem abgegrenzten rechteckigen Kasten zeigt sich eine harte stramm nach oben strebende Gerade: es geht unentwegt voran!
Das ist das Symbol aktueller leidvoller Missverständnisse. Es ist das Zeichen einer Welt, die nur Yang gelten lässt und Yin verleugnet – oder fürchtet?
Wachstum ohne Ende, Aufwärtsstreben und Voraneilen ohne Einbeziehen des Ganzen, Aktivsein ohne Ruhe, Licht ohne Schatten, Sommer ohne Winter!
In diese Aufreihung gehört dann auch folgerichtig: gesund sein ohne krank zu werden; jung sein, ohne alt zu werden; Leistung erbringen ohne müde zu werden oder gar Fehlschläge zu erleiden.
Dieses Konzept höhlt aus. Es kann nur ein Raubbau an sich und anderen sein.
In seinem Gefolge wohnt Angst – da ja einem jeden Menschen geradezu auf Zellebene klar ist, dass solches nicht durchzuhalten ist:

Wer sich nicht niederlässt, droht irgendwann tief zu fallen.
Wer sich nicht zurücklehnt, droht irgendwann nach hinten umzukippen.
Wer Ruhe nicht mit Wertschätzung kultiviert, bricht womöglich mitten im Sprint tot zusammen.
Wer nicht zum Empfangenden wird, verkrampft im Nehmen, hungert und beutet gierig aus.
Wer ausbeutet entzieht sich und anderen die Lebensgrundlage.
Damit wächst Angst und es wird noch schwerer sich vertrauensvoll niederzulassen.
Dieses unselige Spiel zerstört Verbindung und Geborgenheit. Es führt zum Missverständnis, dass Verbindung gut funktionierende zweckdienliche Seilschaften bedeute.
Das aufatmende elementare Verbundensein mit der Natur, mit dem Leben, mit der Umwelt, mit den Mitmenschen ist etwas anderes: es kann nur geschehen und erlebt werden im Zusammenspiel von Yin und Yang.
Das gilt im Kleinen wie im Großen, im Mikrokosmos des Einzelnen wie im Makrokosmos der großen Zusammenhänge.

Eine Welt, in der Ampeln so geschaltet werden, dass ein alter gebrechlicher Mensch nicht mehr über die Straße kommt, schafft Angst: es darf einem nicht passieren, in die Rolle dieses alten Menschen zu kommen.
Ausgrenzung entsteht, Abwehr denen gegenüber, die vor Augen führen, dass es die Seiten des Lebens gibt, die man fürchtet und anscheinend ja fürchten muss:
Langsamkeit, Gebrechlichkeit und damit das Angewiesensein auf Rücksicht.

Eine Welt, die dabei ist sich das Wasser abzugraben, in dem sie die Yin-Qualitäten schädigt, erkennt man gut am Umgang mit den Tugenden Wahrnehmung und Zuhören.
In einer Welt, die mehr und mehr nur die Yang-Qualitäten würdigt, werden diejenigen, die zuhören und Aufmerksamkeit schenken, zu Unterlegenen degradiert.
Wer das Wort führt gilt. Wer auf der Bühne steht und gesehen wird hat Ansehen.

Ich liebe folgende Geschichte: Auf dem Markt steht ein Papageienverkäufer, der seine Vögel anpreist. Ein Kunde interessiert sich für den Preis: 50,- Taler soll ein Vogel kosten. – Was so viel? – Nun ja, meine Papageien können ja auch tausend Worte sprechen, sagt der Verkäufer.
Am anderen Ende des Marktes ist ein weiterer Papageienverkäufer. Hier ist es ganz still. – Was kosten denn deine Papageien? fragt ein Kunde. – Hundert Taler.
– Ja aber die sagen doch gar nichts, wie kannst du da soviel Geld verlangen?
– Sie hören zu!

 

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe,
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden;
man formt Ton zu einem Gefäß,
doch erst durch das Nichts im Innern
kann man es benutzen;

Somit entsteht der Sinn
Durch das was da ist
Erst durch das, was nicht da ist.

Lao Tse   Tao-Te-King 11

 

Das Empfängliche: zuhören, wahrnehmen, Aufmerksamkeit schenken gibt dem
Gesprochenen Sinn. Es schenkt Kraft. Es vervollständigt.
Es bewahrt.

Wer Taiji übt, lernt im Tun wahrzunehmen und wahrnehmend zu tun.
In der miteinander die Form tanzenden Gruppe entsteht ein Energiefeld der Achtsamkeit.
Ein jeder Fuß wird so gesetzt, dass Kontakt mit dem Boden entsteht. Niemand trampelt einfach voran.
Die Sensorien sind wach – und sie können es auch in geschützter Weise sein, weil man sich gleichzeitig in einer geborgenen Hülle bewegt, die im Taiji selbst stetig bestärkt wird.
Man bewegt sich so geschmeidig, dass man rücksichtsvoll sein kann, ohne sich zu verbiegen.
Der Blick ist entspannt und ruhevoll in die Weite gerichtet. Er sucht nicht. Er greift nicht ins Bild, und doch nimmt er wahr, ist nicht versunken, sondern offen.

 

Bevor ein Baum so groß ist,
dass kein Mensch ihn umfassen kann,
wächst er aus einem kleinen Samen empor;
ein Haus mit vielen Stockwerken
fängt mit dem ersten Spatenstich an;
selbst die längste Reise
beginnt mit dem ersten Schritt.

Lao Tse   Tao-Te-King 64

 

Taiji zu lernen ist ein langer Weg.
Aber letztendlich spielt dies keine Rolle mehr, sobald man sich auf den Weg gemacht hat. Denn dann zählt der Augenblick, man landet im Jetzt und bekümmert sich nicht darum, wie lange es wohl dauern wird, bis man „Taiji kann”.

Noch eine schöne Geschichte: Der Taiji-Schüler fragt: Wie lange dauert es denn, bis ich Taiji kann? Die Meisterin antwortet: 7 Jahre vielleicht.
Der Schüler erschrickt, denkt nach und sagt: Wenn ich mir aber richtig viel Mühe gebe?
Die Meisterin schmunzelt: Ja dann allerdings --- 17 Jahre.

Einen langen Weg zu gehen ist schön aber ungewöhnlich.
Wir haben eine Geisteshaltung kultiviert, die schnelle Effektivität zum obersten Gebot macht. Oder aber es gilt das Event – ein momentanes großartiges Ereignis, das eine beeindruckende Erfahrung verspricht, ein Erlebnis ohne gleichen!

Angesichts dessen ist Taiji außergewöhnlich: man nimmt sich Zeit und wandert langsam seines Weges.
„Der Weg ist das Ziel.”
Wer Taiji tanzt hat keine Eile. Jeder Moment ist, was er ist. Mal ist das Üben beglückend oder gar eine Offenbarung, mal ist es mühsam oder einfach unspektakulär.
Gleichwohl geschieht Wandel.
Der Körper wird stark in seinem Maße. Die Gelenke können sich in der Geschmeidigkeit erholen und finden in ein harmonischeres Bewegungsmuster.
Anstrengung loslassen zu können ist eine Entdeckung, die nach und nach in den Alltag hinein fließt.

 

Gräser und Bäume sind biegsam,
wenn sie das Licht der Welt erblicken;
wenn sie tot sind,
sind sie dürr und trocken.
Darum ist das Harte und Starre
dem Tode nahe,
das Zarte und Nachgiebige
ist dem Leben nahe.

Das Harte und Starke wird unterliegen;
Das Weiche und Zarte wird siegen.

Lao Tse   Tao-Te-King 76

 

Im Taiji-Üben bekommt eine freundliche Heiterkeit sich selbst und anderen gegenüber Platz.
Das Feinstoffliche und die körperliche Ebene balancieren sich aus, so wie es für den jeweiligen Menschen jetzt stimmt.
Eine Möglichkeit Eingebundensein zu erfahren tut sich auf.
Harmonie wird ins Leben geholt.

Es heißt, wer Taiji übe, erlange die Kraft eines Holzfällers, die Geschmeidigkeit eines Kindes und die Gelassenheit eines Weisen.
Dennoch werden natürlich auch Taiji-Tanzende älter oder haben mit Erkrankungen zu tun. Aber die stetige Taiji-Übung hilft ihnen dabei versöhnlich mit Einschränkungen und Herausforderungen umzugehen.
Sie begegnen dem, was das Leben ihnen bietet, ohne Gewalt.
Sie sind aufrecht auf sanfte Weise.
Am Taiji wächst man wie ein Baum: geruhsam und zuverlässig.
So betrachtet ist Taiji zu einem Gegenbild strapaziöser Lebenskonzepte unserer leistungsversessenen Welt geworden. Es ist unverschämt einfach und frei.

Auch wenn Taiji heute oftmals verkürzt und hemmungslos funktionalisiert angeboten wird, – angepasst an den Zeitgeist –, auch wenn das Interesse daran zurück zu gehen scheint, auch wenn es vielen Menschen nicht leicht fällt, sich in Verbindlichkeit einem langen Weg zu widmen, trotz alledem bleibt es anmutig wie ein Gedicht .
Mit einem Lächeln tanzt es in seiner geheimnisvollen und unwiderstehlichen Lebenskraft der Harmonie.

 

Es gibt auf dieser Welt nichts Weicheres und Schwächeres als Wasser.
Und doch vermag es die härtesten und größten
Felsbrocken zu bewegen und auszuhöhlen.
Es gibt nichts Vergleichbares.

Lao Tse  Tao-Te-King 78

Die Zitate aus dem Tao-Te-King sind in einer Übersetzung von Hans Knospe
und Odette Brändli wiedergegeben (Diogenes).


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Taiji-Gruppen im Frühlingsgarten

Taiji Gruppen

wöchentlich
Montag 20:00–21:15 Uhr
und
Mittwoch 18:45–20:00 Uhr


Dem Taiji nahe verwandt:

Qi Gong –
Bewegte Lebensenergie im Fluss

wöchentlich
Dienstag 18:30–19:30 Uhr

Details zu den Gruppen und Kursen siehe unter Veranstaltungen