Leitung: Alena Maria Schneider
Bei der Rolandsmühle 6
22763 Hamburg
Tel.: 040 / 881 32 09

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Die Gedanken sind frei –
und Lebenskunst ist es,
ihnen immer wieder die Käfigtür zu öffnen!

Kunst (Tanz, Theater, Poesie …) hat das Potential, die Freiheit des Denkens zu kultivieren. Sie stellt sich außerhalb des Diktates zweckgerichteten Handelns.

Lebenskunst ist das, was einen eigenen kreativen Bewegungsspielraum schafft, das Leben zu gestalten.
Das gilt im ganz Privaten, im Alltag, in den kleinen täglichen Begegnungen und Begebenheiten, wie auch in den großen Zusammenhängen und der umfassenden menschlichen Gemeinschaft.
Es gilt immer wieder Visionen zu entwickeln für das eigene Innen- und Außenleben, Visionen mit Eigenwillen und auf der Basis eigenen Denkens.

Allerdings gibt es starke kollektive Strömungen im Zusammenleben von Menschen, die wenig bewusst ablaufen und hartnäckige Glaubenssätze mit sich bringen. Auch wächst zur Zeit eine zunehmende Enge der Angst, die das Miteinander zu einem gar nicht mehr spielerischem Wettbewerb verzerrt. Man muss stark, effektiv, clever und gesund sein und wirtschaftlich seine Schäfchen ins Trockene bringen.
Ansehen und Auftreten gelten viel.
Wer dabei nicht mitkommt – oder nicht will – wird abgewertet und gilt als "selber schuld".
Im Alltag auf der Straße werden Rangordnungskämpfe ausgetragen: Wer gibt den Weg frei? Die anderen "ignorieren und durch" gilt als Überlegenheitsgewinn, die Mitmenschen wahrnehmen als Geste der Unterlegenheit.
Ich kenne ältere Menschen in Ottensen, die entgegen ihrer hier gewachsenen Wurzeln wegzuziehen planen, da ihre Lebenskraft diesem täglichen "Straßentheater" nicht mehr gewachsen ist.

Starke kollektive Strömungen, deutlich auch von den Medien beeinflusst, wirken auf unser Denken und Empfinden von Leben ein.
Manchen Menschen stürzen sich in den Wettbewerb und sehen zu, dass sie mithalten.
Immer mehr Menschen verlieren sich und ihre Kraft in Depressionen.
Andere konzentrieren sich darauf, die Zäune um einen kleinen privaten Raum der Lebensqualität hochzuziehen.
Viele nehmen wahr über das eigene Wohl und Wehe hinaus und könnten schier verzweifeln angesichts dessen, was sie sehen.

Die Frage, die ich mir jeden Tag stelle ist: Wie gelingt hier Lebenskunst?
Wie können wir uns stärken, in der Freiheit unseres Denkens und im Empfinden einer eigenen gültigen Lebensweisheit?
Woraus beziehen wir Kraft, die im Alltag Hoffnung und Visionen stärkt?

Sich selbst spüren zu dürfen in Respekt und Würde gehört dazu.
Sich entwickeln zu dürfen gehört dazu, lernen zu dürfen, die Geschichte des eigenen Daseins weiterschreiben zu dürfen gehört dazu.
Dafür brauchen wir geborgene Zeit und angstfreien Raum, -Zeit in der nichts hetzt und treibt und Raum, der empfängt und offen lässt, was sein möchte.

Dafür brauchen wir auch wahrnehmende Gegenüber, Zeugen und ein Miteinander der Wertschätzung, das trägt.
Das ist es, was ich im Frühlingsgarten anbieten möchte.

Über die Bewegungskünste wird ganz leibhaftig der Boden gelegt, sich zu spüren und wirklich im eigenen Sein anzukommen.
Das Selbstempfinden von Menschen, die zu ihrer abendlichen Gruppe kommen, ist anfangs oft verzerrt durch Anstrengungen und Müdigkeit. Sie sind abgekämpft und besorgt, sich und ihrer Kraft nicht trauen zu können. Sie kämpfen mit Lustlosigkeit, da sie ihrer Lebendigkeit entfremdet sind.
Begeben wir uns dann miteinander in ein Tun, das dem freien Fluss der Lebensenergie dient, wird die Müdigkeit sanft und die Würde der eigenen Kraft, die trotz allem da ist erlebbar.
Das macht glücklich.
Es gibt Hoffnung.
Es schenkt ein Grundlage dafür, eigensinnig und lebenskreativ zu sein.

In den Behandlungen schenkt die bewusste wahrnehmende Berührung den Raum, sich zu erleben, als die oder der, wer man wirklich ist – unabhängig von dem, was an Beeinträchtigungen, an Krankheit, Kummer, Ansprüchen, Druck oder Verlorenheit das Leben zu bestimmen scheint.

Im Taiji gestalten wir uns den Freiraum einer sanften, unwiderstehlichen Kraft, die keine Gewalt regieren lässt – auch innen nicht, auch nicht im Spiel unserer Muskeln und Gelenke, auch nicht in unserem Geist.
In der vielfältigen Ki-Kunst unserer Qi Gong Übungen öffnet sich Festgefahrenes, das Lebensempfinden wird wieder warm und frei: wieder und wieder geschieht ganz fein innere Umstimmung in Hoffnung und Vertrauen. Der Wandel kommt auf leisen Sohlen. Was erstarrt war wird Fließendes sich weiter gestaltendes Leben.

Dabei ist es – da sollten wir uns nichts vormachen – so, dass alles Kostbare der Konsequenz bedarf, mit der es gepflegt wird.
Ob das ein schöner Garten ist, ein Kunstwerk, Musik, Taiji, Qi Gong, Shiatsu oder eine wertvolle Form menschlichen Miteinanders, Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe – es braucht konsequente aufmerksame Pflege.

Angesichts all dessen, was an den meisten Menschen zieht und behauptet, Anspruch auf ihre Kraft und Zeit zu haben von der Arbeit bis hin zu gesellschaftlichen Events, ist ein klarer Wille zu diesem konsequenten Engagement notwendig.
Sich nach einem anstrengenden Arbeitsalltag aus der Mattigkeit und manchmal auch der Gelähmtheit aufzuraffen und zur Taiji- oder Qi Gong Gruppe aufzubrechen, ist oft eine große Tat.
Je mehr Menschen in einer Gruppe die Vorgabe der Konsequenz machen, desto mehr gelingt sie für diese selbst und für alle Beteiligten.
Es klingt paradox – aber je treuer sich Menschen verpflichten, desto mehr gelingt Freiheit.
In Gruppen entsteht dann das Vertrauen, das die Freiheit ermöglicht, so zu kommen, wie man sich fühlt, so erledigt, so traurig, so neben der Spur... man weiß dann, nach der Gruppe geht es mir besser und ein Funke Lebensglück ist wieder gezündet.
Dieses kostbare Gut verrinnt, wenn die Konsequenz des Dranbleibens vernachlässigt wird.
Das Miteinander wird dann spröde.

Ein ähnliches Paradoxon wie im Zusammenwirken von Treue und Freiheit, besteht im Wechselspiel von Individualität und Gemeinschaft.
Ich kann in der Gemeinschaft einer Gruppe ausgezeichnet auf individuelle Anliegen und Bedürfnisse eingehen in einer Weise, die allen dient.
Wird aber zuerst von mir gefordert, dass ich individuelle Ansprüche bediene, bevor überhaupt Kontakt und Gemeinschaft wachsen konnten, so ist diese Möglichkeit verspielt.

Ich biete immer noch Gruppen an, die kleine zusammenwachsende Kreise der Mitmenschlichkeit werden können.
Das ist gar nicht im Trend und wird immer schwerer.
Ich halte es jedoch für ein hohes Gut.
In einer in Freundlichkeit miteinander wachsenden Gruppe entsteht etwas ausgesprochen Kostbares, etwas das trägt und das Herz erfreut: wir gehen unseren Weg nicht allein.
Es entsteht ein gemeinsames Feld – besonders spürbar wird dies im Taiji oder Qi Gong – ein gemeinsames Feld, in dem sehr viel mehr möglich ist, als man sich alleine vorstellen kann.

Die Frühlingsgartengruppen älterer Generationen wissen davon noch mehr, sie haben es viel stärker erfahren, weil sie sich in einer Zeit aufbauten, in der kontinuierliches Miteinander in der kollektiven Meinungsströmung noch mehr Ansehen hatte.
Da brauchte es weniger Sturheit und Eigensinn, die Pflege einer Gruppenzusammengehörigkeit wichtig zu nehmen.
Die jüngeren Generationen tun sich schwerer damit, überhaupt so weit zu kommen.
Sie haben es gar nicht leicht zu gedeihen in einer Zeit der sich auf die Spitze treibenden Individualität, die sich selbst die Basis entzieht (s.o.).
Die kollektiven Strömungen sind geprägt von einem zerbröselndem Miteinander, in dem es ja z.B. schon etwas Besonderes ist, wenn Familien einmal am Tag um den Tisch sitzend miteinander essen.
Außerdem suggeriert die kollektive Strömung, Freiheit bestehe darin, sich etwas zu kaufen. Man kauft sich in vermeintlicher Unabhängigkeit eine Portion Wohlfühlen und Heilung, ganz individuell, pseudomaßgeschneidert, schnell, kompakt und effektiv. Dabei macht man sich selbst, seine Mitmenschen und das Kostbare, das man sucht, zur Handelsware.
Eine wirkliche Beziehung entsteht so in keiner Weise, schon gar nicht zum eigenen Wesentlichen.

Die Sehnsucht nach tragender Gemeinschaft ist dabei keineswegs kleiner geworden. Sie ist oft riesig und vielleicht dementsprechend hoffnungslos.
Oft zeigt sie sich kindlich: Das Miteinander soll einfach nach Bedarf da sein, geschaffen wie von Zauberhand, ein Mutterhaus, das sich einfach zur Verfügung stellt, während man selbst ganz individuell und unverbindlich kommt und geht.

Wie wichtig man selbst für dieses Miteinander ist, geht dabei leicht verloren!
Doch gerade darin liegt Würde. Darin liegt die Lebenskunst, dass ein jeder und eine jede sich selbst beiträgt und das Gute erfährt, das daraus erwächst.
Ich erlaube mir die Freiheit, dem das Wort zu reden.

Beliebigkeit erzeugt Fremde und schwächt.
Der Versuch etwas zu benutzen ohne Liebe – denn was ist denn Verbindlichkeit anderes als Herzenswärme? – führt zu einer Mischung aus Energieverlust und Abhängigkeit.
Miteinander zu erfahren und zu gestalten gehört zusammen.
Leben findet statt im Rhythmischen, im Prozess, im Fließenden und im Miteinander.
"Alles wirkliche Leben ist Begegnung", sagt Martin Buber.

In der wirklichen Begegnung wohnt immer auch etwas, was die Freiheit des Denkens trägt und inspiriert.
Wirkliche Begegnung bringt den Menschen in Berührung mit seinen kreativen Möglichkeiten.
Wirkliche Begegnung bezeugt, wer du eigentlich bist und was du zu geben hast.
Ziele gestalten sich dann aus und verändern sich wieder. Das Selbstempfinden gönnt sich wieder ein ganz eigenes Empfinden zu sein. Gedanken entwickeln eigensinnige Wege und werden erfinderisch.
Handlung erwächst daraus, die überrascht und dem Leben dient, wie es vielleicht zuvor unvorstellbar war.

Dem gilt es Zeit und Raum zur Verfügung zu stellen.
In Eile und Enge bleibt uns ja nichts anderes übrig, als Instantweisheiten fertig verpackt aus der Tasche zu ziehen.
In der Welt der Rangordnungen, der Selbstbehauptung und des Wettbewerbs – in der Welt der Angst – kann außerdem kein Zuhören gedeihen. Schließlich muss man in dieser Welt Recht haben.

Kreativ und frei aber wird Denken, wenn es Eindrücke und Aussagen auf Grund gehen lässt, mit dem Eigenen verbindet, sich Zeit nimmt zum Staunen und Wundern, wie auch dazu Worte zu finden im Miteinander.

Die Gedanken sind frei – und Lebenskunst ist es, ihnen immer wieder die Käfigtür zu öffnen.

Das will geübt werden.

Mit diesem Text lade ich zu Nachdenklichkeit und Gespräch ein.


Alena Maria Schneider